fronten

(in German)

 

 

artists in residence: internil in oldenburg

with Arne Vogelgesang, Marina Miller Dessau, Christopher Böhm and Katharina Haverich

 

Logbuch #23 Woche 1

internil

 

FRONTEN

In den vier Wochen ihrer Forschungsresidenz beschäftigen sich die Mitglieder von internil am Beispiel des Ukrainekonflikts mit den propagandistischen Potentialen unterschiedlicher Erzählformen. Für jeden der vier Arbeitsblöcke berichtet ein anderes Mitglied vom Forschungsprozess.

 

1. Block: Einrichtung und Recherche.

Grundfragen: Wie stellt sich unser Material dar? Welche verschiedenen Rechercheinteressen und individuelle Erzählweisen leiten uns? Was sind jeweils verbindende (teils systemische), was sind unterscheidende Elemente in Material und Präsentation? Wie und wo finden wir für jede von uns überhaupt einen Zugang und Ausgangspunkt zum Erzählen?

 

4 Tage.

 

Tag 1: Einstiegsgespräch, Diskussion und Verteilung von ersten Recherchefeldern, über die wir uns am folgenden Tag gegenseitig erzählen wollen: Praktischer Einstieg in die Grundstruktur der Forschung. Das ist die geheime Mobilisierung zum Stellvertreterkrieg im blinden Fleck der eigenen ideologischen Identität: Individualpluralismus: das große Geschlabber: die Krim als Sylt des imaginären Neugroßdeutschrussen.

Wir gehen mögliche ideologische Positionen durch: deutsch relativistisch, deutsch pro Putin (rechts), deutsch anti Putin (rechts), deutsch anti Putin (links), russisch pro Putin, russisch anti Putin (rechts), russisch anti Putin (links), ukrainisch nationalistisch, ukrainisch prorussisch, ukrainisch pro-EU… und wir haben noch gar nicht angefangen mit der Recherche. Keine objektive Wahrheit in Sicht – wer vom Krieg erzählt, muss und wird Position beziehen.

Wir stecken Recherchefelder für den Einstieg ab: Absturz der MH17, Maidan und die Scharfschützen, NATO-Osterweiterung und Wirtschaftsbeziehungen, „Der Janze Kriech“.

Wir merken uns Formate, die neben den thematischen Ansätzen zu untersuchen wären: Eine politische Position, die sich ausschließlich aus der Kommentar-Sektion von Welt und Zeit speist. Facebook als Organisations- und Propagandainstrument. Wikipedia-Live-Editwars als ultimatives Diskurstheater. Beweismittel Biografie. Jeder seine eigene kleine Trollfabrik.

Grobe Einteilung von Formen des für uns relevanten Erzählens: mit technischen Gadgets = multiperspektivisch, ausschließlich mit dem eigenen Körper = persönlich, mit medialen Hilfsmitteln = journalistisch. Was erzählt, neben dem Erzählten, die Erzählweise? Was erzählt die Chronologie und Kombination von Erzählweisen, also ihre Dramaturgie?

Wir schreiben Geschichte.

 

 

Tag 2: Körper aufwärmen, Stimme aufwärmen, Trainingscamp-Phantasma aufwärmen.

Gegenseitige Präsentationen einer ersten knappen Rechercherunde umreißen das Spannungsfeld zwischen Gelingen und Scheitern. Letzteres ist unterhaltsamer und enervierender, desavouiert aber die Erzählinhalte. Formale Bookmarks: 1. durch offensives Halbwissen die eigene Erzählung untergraben, die Verschwörung als Brosame im Nebensatz streuen (nicht selbst die VTler sein, sondern die Zuhörer zu welchen machen!), 2. immer so tun, als wisse man Bescheid, Aufklärung als unmögliches Joint Venture verschiedenster Institutionen, zusammengehalten nur durch den Gestus der Gewissheit und des vorausgesetzten gemeinsamen Interesses, 3. Desinformation durch eigene Desorientierung: Verrat des vom Erzählenden zu bedienenden Führerprinzips im Gestrüpp des Assoziativen, 4. Souveränität durch enthusiastisches Infoteppichgeklöppel, darin: die Invasion der falschen Wörter.

Wie umgehen mit Zeitlichkeit? Die jüngere Vergangenheit ist zu alt für Aktualität und zu jung für ein „historisches“ Erinnern. Aus der Zukunft die Gegenwart erzählen, aus der Vergangenheit heraus die Zukunft erzählen.

 

 

Tag 3: Körper aufwärmen, Stimme aufwärmen, Trainingscamp-Phantasma aufwärmen.

Vertiefte Recherche und Überprüfung der Felder auf potentielle Erzählungskeime. Aufgaben: Erzählhaltungen bewusster machen, Umgang mit dem assoziierenden und vernetzten Springen finden, das für Internetrecherche charakteristisch ist. Verstärken, Auflösen in Linearität oder Kreisbewegungen? Wenn Linearität, welche? Chronologie, Kausalität oder das Mitreißenlassen im Linkfluss von Mündung zur Quelle? Die große Aufgabe für die Zukunft: Mit Erwartungen der Zuhörer rechnen, spielen und sie zur Manipulation benutzen.

 

 

Tag 4: Körper aufwärmen, Stimme aufwärmen, Trainingscamp-Phantasma aufwärmen.

Wieder Präsentationen: 1. Ad hoc komponiertes Erzählen zwischen Stimme, Videotrack und Dirigat: ein Format, das die Elemente und ihre formalen Beziehungen ausstellt. Gleichzeitig der Bruch des Unfertigen. Mögliche Dramaturgie von Fehlschlag zu immersiver Propaganda, wenn die Form in Mitteln und Inhalten verschwindet. 2. Format Wirtschaftskrimi, was ist relevant, was nicht? Krimiregeln greifen in dieser Art der Geschichte, Zuhörer werden als potentielle Ermittelnde in die Identifikation mit dem Erzählenden und so in die politische Grauzone gelockt: Ideologie der Indizien. 3. Das Biographische als Strategie des Bewahrens, erlebte Geschichte, Fakt und Fiktion. Welche Informationen gehen in der Beschränkung auf die Ich-Perspektive verloren, was sind die Unterschiede zwischen realistischer Geschichte, „guter“ Geschichte und unglaubwürdiger Perspektive?

Vorbereitende Absprachen für den ersten Tag des kommenden Blocks, wenn wir mit unserer Mentorin ins praktische künstlerische Erzählen einsteigen.

Keine sachlichen Inhalte, keine persönlichen Details. Solches nur live, unter Körpern.

 

Woche 2

internil
FRONTEN

 

FR 10.06. (Tag 5)
Sind vor einer Woche angekommen. Suse ist krank, CB nicht da, Abgabe Logbuch vorbereiten AV, Arbeitsplan bis inkl. Montag machen. Odessa-Artikel Brand im Freitag von Marina lesen. Reflexion: zu viel auf einmal bislang (Inhalt, Recherche, Präsentation, Erzählform ausprobieren). Gut aber stressig: alle arbeiten für sich, dann kommen alle für Präsentationen zusammen, kurze Intervalle. Individuell mal mehr Fokus auf Form, mal auf Inhalt. Wichtig: festlegen, wann Materialsammlung beendet ist.

 

SA 11.06. (Tag 6)
Aufwärmtraining KH, Aufwärmtraining MMD, CB, AV. Gemeinsam Karate. Fortsetzung und Vertiefung der Recherche vom Vortrag. Ich frage mich, ob ich die MH17 Geschichte mit der der ukrainischen Pilotin Nadija Sawtschenko verbinden könnte. MMD Präsentation endet auf einem „Gang der Schande“ Video.

 

SO 12.06. (Tag 7)
Aufwärmtraining KH, Aufwärmtraining MMD, CB, AV. Gemeinsam Karate. Wir singen die ukrainische Nationalhymne. Theoretische mini-Präsentation über die Formate Doku-Fiktion, Doku-Drama und Living History kommt mittelgut an. Einzel-Recherche, Themenvertiefung, Geschichtenschreibstube. Versuche mit Soundmasken. Was ist eine PowerPointPräsentation im Jahr 2016? Abends aufgrund von mäßigem Internet nur live Ticker für EM Spiel Deutschland – Ukraine.

 

MO 13.06. Suse // Winfried // Mareike (Tag 8)
Aufwärmen, Zugverspätung. 1. Tag mit unserer Mentorin Suse. Wissenstransfer FAKT #1: Frau Slomka, die Nachrichtensprecherin vom ZDF heute Journal spricht richtig fies. Wissenstransfer FÄHIGKEIT #1: wir üben einen afrikanischen Jodelkanon ein. Suse erzählt uns die Ochsengeschichte, wir erzählen dann auch jeweils die Ochsengeschichte. Weitere FAKTEN folgen: Ochsengeschichte ist ein Schwank (oder eine Wahrheitsgeschichte?); Reihenfolge Bennennung Figur: Heldin / Held zuerst, Hierarchie durch Chronologie; bei Schwenk wird zuerst vorgestellt, wer dann ausgetrickst wird. So stellt man geschickt Fragen ans (junge) Publikum: „Wer von euch möchte wissen, was ein Förster ist?“ Es gibt Geschichten, die zu kurz um sie für Erklärungen zu unterbrechen. Suse erzählt die Geschichte von den zwei Mönchen und der jungen Frau. Warum erzählen wir Geschichten? Um die Herzen der ZuhörerInnen zu öffnen.

Dazu kommen Winfried und Mareike. Wir stellen vier Konzepte zu Erzählungen vor, mit denen wir angefangen haben zu arbeiten. Gut, dass erst Tag 8 ist.

 

Protokoll 14. Juni; 1. Akt Exposition

M: Gestern war geil. Weitermachen.
K: Schön war’s.
A: Schön war’s.
C: Ja. Erzählen von Geschichten ist ein klares „Einsatzgebiet“.
A: Ja, mal schön was mit geschlossener Form zu arbeiten.

Die Gruppe überlegt, ob man Suses Übungen auf das Themenfeld MH17 / Euromaidan anwenden kann. Danach:

C: Wollen wir anfangen.
A: Ok.
K: Vielleicht kurz noch die Feedbackrunde von gestern besprechen?
Gruppe: Ok.
A zu M: Du erzählst persönliche Geschichten und du brauchst noch Handlung.
M: Daran arbeite ich gerade.
A: Das ist Arbeit!

(Ein Witz von Arne  – alle lachen.)

C: Apropros Witz. Ich glaube, ich sollte mehr Witz einflechten, hat Suse auch gesagt.
A: Nee. Du bist schon witzig genug.  Ich sollte mehr Witze machen.
C: Ich glaube, ich werde manche Ideen von gestern nicht weiter verfolgen.
A: Ich glaube, als Übung könnte das interessant sein.
C: Ja.
C: (zu K.) Ich glaube, eine Inszenierung der Inszenierung des Joint Investigation Teams funktioniert nicht ohne Wirklichkeitsanbindung.
K: Ja. Ne klar. Ok, Arbeitsplan? (Kein Reaktion. Darauf fängt sie an den Plan für heute vorzustellen) Ok, jede/r öselt vor sich hin.

Die Gruppe wiederholt woran sie arbeiten. Darauf:

A: Das erinnert mich an George Suros. (Arne improvisiert einen inhaltlich beeindruckenden Text über den amerikanischen Freiheitsfanatiker.)
M: Ich könnt jetzt loslegen.
C: Ich habe mich im Protokoll etwas besser dargestellt.
M: Dafür schreibt man das doch.

Arbeitsbeginn 12 Uhr. 19 Uhr K. und M. ab. A. arbeitet weiter. C. schreibt Protokoll.
19:45 Uhr bekommt C. eine SMS von M: „Haben uns noch ein Bier geholt, für euch keins…“

Szenenwechsel. Mi 15. Juni;  2. Akt Steigerung / Komplikation

Alles beginnt wie immer: Dehnen – 7 Steps to Heaven (ein Kraft- und Halteübung) – Karate – Singen.
Es folgt die Besprechung:

A: Ich würde erstmal so weitermachen und später zum Copyshop. Brauch wer was?

Keine Reaktion.

M: Brauchen wir eine lange Kaffeepause?
K entnervt: Meinetwegen so wie gestern.
M: Ich hab Lust heute die Story zu erzählen.
K (unklar ob zynisch oder aufrichtig): Da freu ich mich drauf. Ich frag mich, wie krieg ich das alles hin in diesem Raum, mit den Karten den Zetteln und und und…

Arne summt ein Lied. C. hält sich – wie so häufig – aus dem Gespräch und schreibt Protokoll.

K: So wie im Theaterdicounter? Fuck – echt keine Ahnung mit dem Raum.
M (versucht vergeblich gute Stimmung zu verbreiten): OOOOOOh. Das war so schön im TD.
K (steht auf und schreit): Ich brauche heute mal Abwechslung, sonst sitze ich hier wie ein Ochse und schlafe ein.

K ab. Der Rest tippt irgendwas auf dem Computer.

5 min. später:  K Auftritt mit Kaffee in der Hand. Tut so, als wäre nichts gewesen.

K: Suse ist auch älter, deswegen redet die so gut.
A: Deswegen finde ich es auch gut, wenn M. ihre Haare schneidet. Dann sieht man die Grauen besser.
M. ab. Dabei versucht sie zu stampfen.

Stille.

C. (versucht das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken): Es passiert einfach nichts, wo ich weiter denken möchte.

Stille.

C: Möchte einer das Ei?
K (sofort): Gib.

A. stöhnt.

Gruppe (ohne Marina) isst.

K: Möchte jemand Salat? Ich möchte nicht die Ei-Situation reproduzieren.
A. entnervt ab. C. lässt den Kopf hängen.

Szenenwechsel. Einige Stunden später am Tag.

Marina hat ihre Story erzählt, die Gruppe gibt Feedback.

A: Präteritum um Handlung zu entwickeln. Gegenwart um Bild hervorzuheben. Perfekt für Alltagssprache. Welche Funktion hat die Skat-Geschichte. Keine? Dann weg. Wieso sollte mich interessieren, was die Eltern von XY studiert haben? Weg damit. Außerdem ist die Erzählhaltung unklar. Du tust so als sprichst du mit uns dabei guckst die ganze Zeit auf den Bildschirm? Soll ich denken, dass wir das Internet sind?

K. lacht genüsslich. C. versucht irgendwie am Tisch zu sitzen ohne der Situation beizuwohnen.

K: Totally!

A: In der Krise geht es nicht um Freundschaft. Außerdem solltest du dem Hörer konkrete Zeitangaben liefern, damit er sich in der Geschichte orientieren kann. Sonst entstehen einfach keine Bilder in meinem Kopf.

K. lacht wiederholt genüsslich. C. versucht immer noch irgendwie am Tisch zu sitzen ohne der Situation beizuwohnen.

K: Apropos Tempus. Überleg dir was wie: „2014 haben alle Club Mate getrunken.“ Aber bitte bitte nicht: 2014 habe ich, 2015 habe ich, 2059 habe ich…
M (unterbricht): Schon klar.
A: Außerdem muss man sich überlegen wie man mit Zeit umgeht. Du brauchst kein filmisches Erzählen. Und dann keine „Und-Dann-Dramaturgie“.

K. lacht ihr genüssliches Lachen. C. versucht wiederholt irgendwie am Tisch zu sitzen ohne der Situation beizuwohnen.

 

Szenenwechsel. Do 16. Juni; 3. Akt Climax

Kein Aufwärmen. Keine Karate. Kein Singen. Keine Routine. Man sitzt beisammen und redet über Dinge, die man verwirklichen möchte und über mögliche Inszenierungsmomente. Allgemeine Stimmung: schlecht. M., C., K., machen sich auf in die Küche um einen letzten Kaffee vor dem Arbeitsbeginn zu brauen.

K: Lungo?
C: Ja. Mit Milch. (Etwas zu spät) Danke.
K: Gerne.

K. müht sich eine Art Lächeln ab.

A (versucht die Situation zu entspannen): Ich ohne Milch.

A., C., K., schweigen.

A: Danke.
C. (wie aus dem Nichts, mit kräftiger Stimme): Könnte ihr heute mal die Spielchen sein lassen und einfach eueren Job machen.

A. haut C. eins auf die Fresse. C. ist ohnmächtig.

M zu A: Also doch noch Karate, du Erklär-Bär.

M. geht  mit dem japanischen Laut „ous“ in die Kampfposition. M. tritt A. das linke Knie weg. A. sinkt zu Boden und versucht sein Gesicht zu schützen. M. ist das zu blöd und tritt voll durch die Deckung. A. liegt röchelnd in einer unterwürfigen Geste am Boden. K. schützt ihren Bauch.

M: Ich schlag keine schwangeren Frauen.

K. nimmt eine Pfanne und zieht sie M. voll durch ihre Visage. K. überlegt noch kurz, ob sie auf A. oder C. spucken soll. K. ab.

 

4. Akt; Retardierendes Moment

Am nächsten Morgen liegen A., C., K., noch immer bei der Kaffeemaschine. C. kommt auf Grund eines nervig herumschwirrenden Insekts wieder zu Bewusstsein. C. kriecht zu A. und weckt ihn sanft.

C: Was kommt noch mal nach der Steigerung?

A. bemüht Wikipedia auf seinem blutverschmierten Smartphone.

A (sehr schwach): Retardierendes Moment.
C: Und beim Schwank endet es nach dem Klimax?
A: Könnte man so sagen. Der sozial Schwächere wischt dem sozial Höherstehenden eins aus. Und denke dran: Never let some facts get in the way of a good story.
C: Versteh ich nicht.
A: Eine kurzes Beispiel…
C: … au ja.

C. bringt sich unmittelbar vor A. in den Schneidersitz. Seine Augen werden größer. Beide ab.

Szenenwechsel. 5. Akt; Der Ochse und die Fliege.

Black. A im weißen Anzug tritt in einen Spot. Und erzählt einen Monolog.

A: Ein Ochse auf dem Feld. Er pflügt. Da setzt sich eine Fliege auf seine Nase. Der Ochse fragt: „Was machst du da?“ „Ich“, sagt die Fliege, „ich pflüge.“

Black.